Sunrise e.V. – Arbeiten für Menschen

Das Team des Magdeburger Vereins Sunrise

Das Leitungsteam von Sunrise in Magdeburg: Petra Siemens, Bettina Becker, Simon Becker, Alexander Heinrich (von links). Foto: Julia Kissmann

Wer aufmerksam in die Schaufenster der Magdeburger Arndtstraße blickt, bleibt unwillkürlich bei der Hausnummer 55 stehen. Große Fenster geben den Blick frei auf eine Fläche und rote Sofas. Wer eintritt, steht mitten in der Heimstätte des „Kulturkollektivs“ und zugleich beim „Sunrise e.V. Magdeburg“. Beides ist miteinander verknüpft. Die Basis bildet der Ansatz, Gutes zu tun und sich Menschen zu widmen.

Von Manuela Bock

Es ist zunächst nicht ganz einfach, zu beschreiben, was „Sunrise e.V.“ eigentlich macht. Die bunten Flyer auf dem Tisch erzählen von Veranstaltungen wie „Büchertausch“, „Tippkick-Turnier“ und Projekten in ganz Magdeburg. Klarer wird alles, wenn Simon Becker vom Vereinsvorsitz anfängt, den roten Faden heraus zu fädeln. „Unsere Arbeit ist vielfältig“, sagt er während er es sich auf einem der roten Sofas bequem macht. „Ganz einfach gesagt, sind uns vor allem die Menschen wichtig.“ Er zeigt auf Fotos, blättert in den Flyern und meint: „Sunrise e.V. versteht man am besten, wenn man sich die verschiedenen Projekte anschaut, denn so hat auch alles angefangen.“

Vor zehn Jahren kommen der Singer-Songwriter Simon Becker und seine Frau Bettina, eine Theaterpädagogin, aus Köln nach Magdeburg. Auf der Suche nach dem Ziel für ihre räumliche Veränderung hat das Paar zunächst Berlin im Blick, bleibt aber in Magdeburg hängen. „Hier war alles so frisch, hier konnte man so viel machen und die Stadt hat so viel Potenzial“, erinnert sich Becker. Er tritt damals in Bars auf, sie spielt Improvisationstheater. Aber das Paar möchte sich darüber hinaus auch sozial engagieren – egal, wo es das erzählt, findet es Zustimmung. Die Familie und Freunde geben finanzielle Unterstützung und meinen: „Welches soziales Engagement ihr euch auch immer aussucht, macht es, wir sind dabei.“ „Dieser Drang, Gutes zu tun, begegnet uns überall in dieser Stadt“, erzählt Simon Becker. Sie gründen den Verein, nennen ihn „Sunrise“ – Sonnenaufgang – nach einem Projekt, das Bettina Becker einst im Westerwald für Prostituierte gegründet hat. Mit fünf Gleichgesinnten schreiben sie in die Satzung, dass sie kirchlich, diakonisch, sozial und kulturell arbeiten möchten. „Wir glauben daran, dass jeder Mensch wertvoll und bei Gott willkommen ist“, meint Simon Becker. „In unseren Projekten geht es immer um einzelne Menschen.“

Den zufälligen Anfang macht ein Musik-Projekt im Jugendzentrum „Knast“ am Moritzplatz. Daraus wird schnell mehr. Die Jugendlichen fragen, ob Simon Becker nicht auch mit ihnen Fußball spielen könne. So wächst das Projekt „1. FC Knast 09“, bei dem die erwachsen gewordenen jungen Männer, die teils tatsächlich Gefängniserfahrungen haben, bei ihren Herausforderungen begleitet werden. Durch die sportpädagogische Arbeit möchte „Sunrise e.V. “ Werte und Selbstwert vermitteln.

Kindertheater des Sunrise e.V.

Foto: Marie Fröhlich

Konzerte des Sunrise e.V.

Foto: Marie Fröhlich

Theater des Sunrise e.V.

Foot: Florian Schreiter

Zum Portfolio gehört seit längerem unter anderem ein Kindertheaterprojekt, das Bettina Becker leitet, aber auch die praktische Hilfe unter dem Namen „ObdiMa(h)l“ für obdachlose und bedürftige Menschen, zu der unter anderem ein kostenfreier Brunch zählt. Oder die Veranstaltungsreihe „Church goes Pub“, wo man sich „auf ein Bierchen mit Gott“ trifft. Die Projektliste ist lang – und sie wird immer länger. Arbeit für Geflüchtete, Konzerte … Der Leitungskreis des Vereins knüpft die Kontakte zu den Interessierten.

Inzwischen gibt es drei Angestellte und den großen Raum in der Arndtstraße. Die vielfältige, wachsende Arbeit hat schnell die Kapazitäten des „Homeoffice“ der Familie Becker, zu der inzwischen auch drei Kinder zählen, gesprengt. Als sie beschließen, dass es „cool wäre, wenn man ein Büro in Stadtfeld hätte“, finden sie die Räume in der Arndtstraße. „Die schienen uns zunächst zu groß, aber dann merkten wir, dass sie zugleich eine perfekte Spielstätte für die Improtheatergruppe ,Tapetenwechsel‘ wären, die ebenfalls auf der Suche war. Das kann man wohl als Geburtsstunde des Kulturkollektivs werten“, meint Simon Becker. Sie richten sich eine bunte Heimstätte ein – was sowohl für die Einrichtung als auch für die inhaltliche Ausrichtung gilt. Dienstags probt jetzt hier die Theatergruppe, vormittags ist Bürozeit. Jeder, der sich in Vereinsprojekten engagiert, kann den großen Raum nutzen. Simon Becker meint: „Alle arbeiten für sich dezentral, aber in Stadtfeld ist unsere Zentrale.“ Und: „Wir sind hier ein bisschen wie ein Schwarm, alles ist lebendig und in Bewegung.“ Sichtbar wird das bei den „Songwriter-Abenden“. „Dann lauschen hier über 80 Leute handgemachter Musik aus der Region“, so der „Sunrise e.V.“-Mitbegründer.

Auch das gehört zum roten Faden des Vereins, der sich in Sonnengelb präsentiert. In einem Satz lässt sich hier kaum etwas beschreiben. Die Sonne strahlt hier für viele Magdeburger. Und doch steht die Tür mit der Hausnummer 55 immer noch offen für die, die Gutes wollen. Der erste Blick täuscht nicht, Spannendes passiert zwischen Wohnzimmer und großer Bühne. Reinschauen lohnt sich also.

Mehr Kiez-Neuigkeiten aus Magdeburg-Stadtfeld? Lesen Sie hier Ausgabe 1/2018 von „Mein Stadtfeld“.